TorTour de Ruhr 2016
Antritts-Besuch an der Ruhrquelle bei Winterberg


TorTour de Ruhr 2016  (230 km)

Nach dem Debut auf der 100-Meilen-Distanz der TorTour de Ruhr 2014 hatten wir natürlich Blut geleckt. So musste für 2016, als logische Folge, die Volldistanz her. Von der Ruhrquelle beim Sauerländischen Winterberg zum Rheinorange, an der Mündung der Ruhr in den Rhein, gilt es 230 km nonstop zu laufen. Theoretisch also ein Berg-ab-Rennen, praktisch beträgt die Höhendifferenz 649 m. 1.588 davon im Aufstieg und 2.237 im Abstieg. Also durchaus nicht wadenschonend, vor allem nicht für die Radbegleiter. Auch meine Ein-Frau-Fahrrad-Crew Kerstin hatte ordentlich zu strampeln, um den schwer bepackten Drahtesel über die Steigungen, die vor allem auf den ersten 80 km der Strecke recht bissig sind, zu bugsieren. 

TorTour de Ruhr 2016
unterwegs in Klein "St. Moritz" im Hochsauerland

Aber der Reihe nach. Der für das Pfingstwochenende vorhergesagte meteorologische Weltuntergang blieb glücklicherweise aus und wir reisten bei strahlendem Sonnenschein ins "Kleine St. Moritz" im Hochsauerland. Winterberg hat dann auch wirklich etwas des alpinen Nobel-Skiortes. Schickimicki hier und da und auch das Porsche- und Jaguaraufkommen ist überdurchschnittlich hoch. Abseits des großen Geschehens bezogen wir in einer tollen Jugendherberge Quartier und trafen auch gleich auf die ersten Gleichgesinnten. Beim Abholen der Startunterlagen, man kann auch Pre-Race-Meeting dazu sagen, waren wir dann aber komplett von "positiv Bekloppten" umgeben, welche die 230 km - TorTour am nächsten Tag in Angriff nehmen wollten.

TorTour de Ruhr 2016
Mit Martina und Gaston im Pre-Race-Gewusel


Die Pre-Race-Nacht war eher unruhiger Natur. Zu groß die Aufregung.... Das Klingeln des Weckers um 5.00 Uhr war dann schon fast eine Erlösung. Um 6.00 Uhr fuhr ich Kerstin mitsamt der Ausrüstung zum Start an der Ruhrquelle. Während sie schon mal die 3°C dort auskosten durfte, brachte ich das Auto zurück und schwang mich aufs Fahrrad um ebenfalls zum Start zu kommen. Gute 9 km waren das und das Hochsauerland hat so einige Steigungen. Kurz vor 7.00 Uhr war ich dann auch vor Ort und schaffte den nahtlosen Übergang zur Pre-Race-Hektik.

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Während der Ansprache vor dem Start, direkt an der Ruhrquelle
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Adrian im Ziel


Besonders freuten wir uns zwei gute alte Bekannte wiederzusehen. Zum einen Adrian Rewig, der beim
Zielonogórski Ultramaraton "Nowe Granice" (PL) im Februar lange Zeit mein Begleiter war und auf Dennis Brandt, mit dem ich mich über viele Stunden des JUNUT im April diesen Jahres gemeinsam bis ins Ziel gekämpft habe. Beide vollendeten letztendlich auch die TorTour, wobei Adrian sogar 10. im Gesamtklassement wurde!

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mit Dennis unmittelbar vor dem Start

 

TorTour de Ruhr 2016
Jens spricht zu seinen Jüngern

Nach ein paar wärmenden Worten des Race-Directors Jens Vieler ging es pünktlich um 8.00 Uhr auf die lange Strecke, die Ruhr hinunter. Dicht gedrängt auf schmalen Schotterpfaden wurde es den Läufern auch bald warm, während die Radfahrer trotz einiger Steigungen doch unter der empfindlichen Kühle des Morgens litten. Während ich schon bald die Handschuhe auszog, kramte Kerstin so ziemlich alles Anziehbare aus unseren Packtaschen hervor. Erst mit Verlassen der höheren Lagen, nach ca. 27 km bei Bestwig, hier war auch der erste von insgesamt 10 hervorragend ausgestatteten Verpflegungspunkten zu finden, wurde die Wetterlage angenehmer, weil hin und wieder sogar die Sonne hervorschaute.

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Ruhrüberquerung (kein Witz, sie ist es!)

Das Laufen an sich war von nun an recht angenehm, da die Schotterpisten von gut asphaltierten Radwegen abgelöst wurden. Nur die eine oder andere Steigung brachte das Blut in Wallung. Mehrmals musste ich helfen unser Crew-Fahrzeug zu schieben. Das ein Ruhrtalradweg nicht nur im Tal verläuft, lernten wir dadurch sehr schnell. In Oeventrop am VP 2, 55 km hatten wir hier im Kasten, war es dann auch ganz gut die leeren Speicher wieder auffüllen zu können. Das Läuferfeld hatte sich bis hier schon ordentlich auseinandergezogen, nur hin und wieder überholte man Läufer um kurz darauf von den Selben selbst überholt zu werden. Irgendwie ein Hase und Igel - Spiel. Mit anderen lief man längere Zeit gemeinsam, unterhielt sich über Gott und die (Lauf-)Welt... und so erreichten wir schließlich locker den VP 3 in Arnsberg.

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eine schöne steile Passage kurz vor Olsberg
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...zum Thema "taufrisch"

Locker ist natürlich relativ. Taufrisch sah ich hier jedenfalls nicht mehr aus. Ein Teller Spaghetti, Kaffee und ein blaues Erdinger brachten mich und auch Kerstin schnell wieder in einen ordentlichen Zustand und die 45 Minuten Pause taten auch mehr als gut. Nebenbei noch ein Pläuschchen mit den Startern der 100-Meilen-Distanz, welche hier ihren Ausgangspunkt hat und schon hatten uns die Ruhrauen wieder. Bis Fröndenberg in einen wunderschönen Sonnenuntergang hinein lief mein Motor auf Touren bis uns die Nacht verschluckte. Am VP 4 in Menden, nach 102 km, musste ich dann die Stirnlampe aufsetzen und die aufkommende Nachtkälte wirkte nicht unbedingt gute Laune fördernd. Aber jeder litt schon ein wenig unter den Bedingungen und so ging es halt irgendwie voran. Glücklicherweise lagen die Wetterfrösche immer noch falsch, so dass wir, abgesehen von ein paar kurzen Schauern, trocken durch die Nacht kamen. Bald waren wir am  VP 5 bei Schwerte, am km 115. Halbzeit, oder besser halbe Strecke! Dort noch ein schöner warmer Kaffee und die Gewissheit am nächsten VP nur noch 100 km vor der Brust zu haben, trieben uns voran. Gefühlte Unendlichkeiten später dann der besagte VP 6 am Hengsteysee.

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wieder abreisefertig im VP 6 am Hengsteysee

Nur noch 100! Man lasse sich das auf der Zunge zergehen. Der Start für die "Bambiniläufer" der TorTour ist hier morgens um 4.00 Uhr. Unser guter alter Bekannter Carsten Rothe gehört auch dazu und die Begrüßung mit ihm ist stürmisch. Während wir schon Stunden unterwegs waren, konnte er noch in Ruhe ein paar Bierchen genießen. Wir genießen erst mal ausgiebig die Wärme im Restaurant des Strandbades und einen leckeren Kartoffelbrei dazu, bevor wir uns wieder in die Dunkelheit begeben. Kerstin liest mir noch einen Facebookeintrag eines Lauffreundes vor, der ausgestiegen ist, weil er die Cut-Offs nicht geschafft hätte. Ich denke noch wieso Cut-off, verliere den Gedanken aber schnell wieder.

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die Nacht ist überwunden, irgendwo im Nirgendwo auf dem Ruhrtalradweg

Bei Volmarstein wird es langsam Tag. Eine lange Steigung lässt Kerstin auf dem Rad wieder leiden. Die folgende noch steilere Bergabpassage lässt mich schmerzhaft die schon arg strapazierten Zehen spüren. Die Stimmung sinkt, da überholt uns Carsten, gefühlt mit WARP 8 und natürlich mit einem coolem Spruch. Die Laune wird besser. Wie gerne würde ich jetzt noch so laufen können wie er. Aber bald wartet der VP 7 am Kemnader See auf uns. Dann sind 155 km geschafft! Warum nur muss jetzt ausgerechnet der Himmel alle Schleusen öffnen? Triefend nass kommen wir dort an. Wie doch ein Brötchen mit Heidelbeermarmelade bei Mistwetter motivierend wirken kann! Weiter geht es durch die Nässe. Auf dem bald folgenden Rummelplatz bei Stiepel laufen wir drei Sportfreunden mehr oder weniger hinterher und kommen vom Ruhrtalradweg ab. Als wir merken dass wir falsch sind, könnte ich mir in den Hintern beissen. Wozu schleppt man ein Navi mit sich, wenn man nicht drauf schaut. 5 km mehr auf dem Zähler bringt uns dieser Verhauer. Als wir endlich wieder auf dem rechten Weg sind, es schifft immer noch wie aus Kannen, fällt mir die Geschichte mit den Cut-Offs wieder ein. Ich krame den Zeitplan aus der Tasche.... 12 km sind es noch bis zum VP 8 bei km 174. In 2 Stunden ist Cut-off! Meint Jens, der Race-Director das ernst?  

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durch den Regen am Kemnader See

Sicher meint er das ernst! Sonst hätte er das nicht aufgeschrieben! Wieso habe ich Hornochse das nicht gelesen? Da hilft nur eins, laufen was das Zeug hält. Ich will nicht nach 174 km eines 230 km -Rennens ausscheiden. Also Beine in die Hand und ab. Was die geschundenen Knochen hergeben wird jetzt rausgeholt. Keine Zeit mehr mich über den Regen aufzuregen... Eine halbe Stunde vor dem Cut kommen wir am VP an. Rollis Gourmet-Verpflegung vermag ich gar nicht auszukosten. Zu sehr bin ich außer Atem. Wir halten uns auch nicht lange auf. Die Zeit sitzt uns schließlich im Nacken. Kaum habe ich meinen Rhythmus  wieder gefunden, da meldet sich mein Verdauungstrakt mit der Bitte um eine Pause. Das ist leichter gesagt als getan. Schnurgerader Radweg, rechts 1 Meter Gras, dann die Ruhr, links 1 Meter Gras, dann der Stacheldrahtzaun eines Trinkwasserschutzgebietes und gefühlt 1.000 Pfingsausflügler auf dem Radweg unterwegs. Der Weg zieht sich unverändert, schier unendlich dahin. Ich laufe schon x-beinig mit glasigem Blick, da erspäht Kerstin ein größere Baumgruppe am Horizont. Kaum sind wir dort hechte ich ins Gebüsch. Mit tränenden Augen und Brennnesseln am Allerwertesten werde ich endlich von meinem Leid erlöst.

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Ankunft an Rollis Gourmet-VP bei km 174

 

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"nur" noch ein Marathon

Bald haben wir Essen passiert und nähern uns dem Baldeneysee. Hier am VP 8 bei km 188 treffen wir durch meine Probleme wieder nur eine halbe Stunde vor dem Cut-off ein. Aber eine Überraschung wartet auf uns. Mein Kollege Pit besucht uns hier mit seiner Frau, nachdem wir ihn stets über unseren Rennverlauf informiert hatten, konnten wir ihn vom Sofa auch an die Strecke locken. Ein motivierendes Schwätzchen (Kerstin hat hier ordentlich die Nase voll) und ein leckeres Radler bringen uns wieder in die Spur. Den Uferweg des Sees können wir danach kaum genießen. Zu sehr peitscht uns der Regen und ein kalter Wind ins Gesicht. Wer kann, verdrückt sich in die Gastronomie oder zumindest unter einen schützenden Baum, nur wir, wir trotten durch das Sauwetter. Nach Werden dann endlich Sonnenschein. Es wird so warm, dass ich erstmalig seit dem Start meine Jacke ausziehen kann. So macht es wieder Spaß und der letzte VP in Mintard sieht uns 1:45 Std. vor dem Cut. Noch mal ordentlich gegessen und getrunken. Das Finish ist uns eigentlich nicht mehr zu nehmen.

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mit Pit am Baldeneysee (Danke für das Radler)

21 Kilometerchen nur noch! Wir lächeln beide wieder. Dann, 1 km nach dem VP macht es pfffffff. Unser Crew-Fahrrad hat einen Platten. Das Glück im Unglück, den Vorderreifen hat es erwischt. Gepäck vom Rad, Werkzeug und Ersatzschlauch raus.... 14 Minuten später radelt Kerstin wieder und es geht weiter dem Ziel entgegen.

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Frisch und locker sieht anders aus. Am letzten VP in Mintard

Mühlheim wird passiert, zieht sich aber auch Ewigkeiten dahin. Dann endlich der Duisburger Hafen. Mir tut alles weh. 50 Schritte laufen, 25 Schritte wandern, dieser Rhythmus verschiebt sich mehr und mehr zu Gunsten des Wanderns. Als das Rheinorange am Horizont erscheint, werden die letzten Kräfte mobilisiert. Dann ist es auch bald geschafft.... Wir schlagen am Behelfs-Rheinorange an, liegen uns in den Armen, werden von Jens Vieler beglückwünscht.... 37:04 Stunden waren wir unterwegs, 1 Stunde länger als geplant, aber im Zeitlimit. 97 Starter, 62 Finisher, wir sind 52. geworden. Eigentlich wollte ich mir am Ziel ein Bier gönnen, aber es ist hier dermaßen zugig und kalt, dass wir nach wenigen Minuten die Flucht ergreifen.
Maria und Pim holen uns mit ihrem Auto ab. Ein letzter Kraftakt, das Fahrrad auseinanderzubauen, so dass es ins Auto passt. Dann können wir endlich sitzen und rollen einer warmen Dusche und einem schönen warmen Bett entgegen......

TorTour de Ruhr 2016
Am Rheinorange das Ziel erreicht. 37:04:25 Stunden zu Fuß bzw. auf dem Rad unterwegs!

Ja, dann bleibt nur noch Danke zu sagen! Danke an Kerstin für die unglaubliche, ununterbrochene Radbegleitung auf diesem elendig langen Weg. Danke an die Daumendrücker und Mitfieberer! Besonders an Pim und Elena! Pims Whatsapp-Sprachnachricht "Opa, lauf, lauf! Du schaffst das!" und das "Durchhalte-Foto" von Elena waren die größte Motivation überhaupt! Danke an die Organisatoren dieses Wahnsinns-Events, Jens Vieler, Ricarda Bethke und ihr phantastisches Team und natürlich an alle Mitläufer. Sie haben dieses Rennen zu einer Droge gemacht, die uns süchtig gemacht hat! Pfingsten 2018 wollen wir wieder dabei sein...

Achso, das mit den Cut-Offs meinte der Jens schon ernst. Es wird aber auch schon mal ein Auge zugekniffen! Alle Ergebnisse und viele weitere Informationen unter TorTourdeRuhr.de!

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auch nach 188 km gelang uns noch ein Lächeln

Die Fotos stammen von Kerstin & Volker Roßberg, einigen Facebook-Freunden, Pit Ferne und catfun-foto.de