Þingvellir, Thingvellir
Abendstimmung am Bruará

Þingvellir - Wandern zwischen den Welten

Im mystischen Abendlicht am Fluss Bruará, nahe an unserem Ferienhaus gelegen, schmiedeten wir Pläne, wie wir nun auch, ohne im Massentourismus zu versinken, dass wohl bekannteste und meistbesuchte Gebiet der Insel, den "Goldenen Zirkel", für uns erobern können. Ein Teilgebiet davon, in welches garantiert jeder Islandtourist seine Schritte lenkt, ist die Þingvellir-Senke. Sie ist ein Teilstück einer über 120 km langen Vulkan- und Grabenzone, ca. eine Autostunde östlich von Reykjavík gelegen. Geologisch wie historisch einmaliger Boden! Diesen in Ruhe zu erkunden, da gibt es nur eins,   die "early-bird“ – Methode und so machten wir uns auch  auf den Weg dahin.

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Blick über den Þingvallavatn von Südosten hin zur Allmännerschlucht

Geologisch einmalig, weil sich hier die Nordamerikanische Platte mit der Eurasischen trifft, oder besser gesagt beide auseinander driften. Das führt dazu, dass sich die 7 km breite Senke stetig weiter absenkt und auseinanderdriftet, jährlich um durchschnittlich 8 mm. In den letzten 10.000 Jahren waren das fast 70 m in der Breite und der Talboden sackte um insgesamt 40 m ab! Die Almannagjá (Allmännerschlucht) im Westen und die Hrafnagjá (Rabenschlucht) im Osten begrenzen diese Senke. Da das Driften nicht gleichmäßig vor sich geht, kommt es hier immer wieder zu Erdbeben, wobei große Schollen der Erdkruste förmlich auseinander gerissen werden.

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in der Allmännerschlucht
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bizarre Lavaformationen, wie überdimensionale Kuhfladen
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Risse und Spalten, Ergebnis urgewaltiger Kräfte

In der Senke  befindet mit dem Þingvallavatn auch der größte isländische See. 100 m über Meereshöhe gelegen, bietet er 84 km² Fläche, bei einer Tiefe bis zu 114 m und wird zu 9/10 aus unterirdischen Quellen, welche ihren Ursprung zumeist im Gletscher Langjökull haben, gespeist.  Trotz niedriger Temperaturen ist das Wasser ein fruchtbares Biotop, weil extrem mineralreich. Forellen, Saiblinge und Unmengen von Stichlingen fühlen sich hier wohl.

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Blick vom Fuß des Lögbergs über den Öxará, zum Þingvallavatn
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Kerstin am Öxará - Fluss an/in der Allmännerschlucht, dessen Wasser sich der Sage nach in der Silvesternacht für mehrere Stunden in Wein verwandelt.

Um den Fluss Öxará, zu deutsch Axtfluss und seinen gleichnamigen Wasserfall rankt sich, wie nicht anders zu erwarten, auch eine der berühmten isländischen Sagas. Bei diesem Namen schon fast selbstredend, ist Selbige nicht gerade unblutig... Das Trollweib Jóra lauerte in der Gegend Reisenden auf den doch stark frequentierten Wegen auf und trieb mit ihnen ihr Unwesen. Ein junger Bauer überwältigte sie schließlich im Schlaf. Die Scheide der Axt, mit der er sie niedermachte, wurde am Nordufer des Þingvallavatn dort angespült, wo der Axtfluss in den See mündet.
Wir denken nicht an Blut und abgeschlagene Köpfe, wir genießen lieber dieses Schauspiel der Natur in vollen Zügen. 

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Ein Abstecher zum nördlich der Allmannagjá gelegenen Öxaráfoss verspricht Ruhe, denn hier hinauf steigen wenige.
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der Lögberg

Historisch einmalig ist die Gegend, weil sich hier schon seit dem Jahr 930 die Goden versammelten, um den Alþingi (Parlament) abzuhalten, also Gesetze zu erlassen, Recht zu sprechen, Urteile zu vollstrecken, Töchter zu verheiraten, Feste zu feiern... Im Jahre 1000 wurde hier die Annahme des Christentums für das ganze Land beschlossen und schließlich wurde hier am 17. Juni 1944, vor fast 30.000 Einwohnern, die Republik Island ausgerufen. Die Allmännerschlucht, mit dem Gesetzesberg "Lögberg“ ist somit fast eine "heilige Stätte“ und zählt seit 2004 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

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In solchen wassergefüllten Rissen wurden früher Frauen die uneheliche Kinder geboren oder sich des Kindsmords schuldig gemacht hatten, in Säcke gesteckt und ertränkt. Wenige Meter weiter, in der Brennugjá (Spalte) fanden Hexen den Tod in lodernden Flammen.
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Die Kirche von Þingvellir ist ein beliebter Ort für das eheliche "Ja"-Wort.
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Das Fünfgiebel-Haus, in dem der Priester und manchmal auch der Ministerpräsident residiert.
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Die Kirche von Þingvellir, dahinter das Dichterfeld (hier ruhen allerdings nur zwei der großen isländischen Literaten, Jónas Hallgrímmsson und Einar Benediktsson)  und das Fünfgiebel-Haus.
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Die Almannagjá von Norden gesehen, links der Mitte der Lögberg.

Direkt an der Straße Nr. 36 befindet sich ein Park- sowie ein Zeltplatz. Dazu noch eine Tourist-Info mit einem kleinen und guten Imbiss. Nationalgetränk Nr. 1, den Kaffee, bekommt man hier zur Genüge.  Nur 15 - 20 min Fußweg sind es von hier bis zur Almannagjá.
Mit Verlassen der Schlucht nach Süden gelangt man an das Multimediazentrum Þingvellir. Jede gewünschte Information zum Gebiet ist hier zu bekommen. Zudem ist die Aussicht von hier oben schlicht und ergreifend fantastisch.

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Der östliche Rand der Senke, die Rabenschlucht Hrafnagjá, schwerer begehbar, aber nicht weniger schön als ihr westliches Gegenstück.
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Blick zurück, vom Südzipfel des Þingvallavatn, an der Lyngdalsheiði, zur Almannagjá (hinten links am Horizont).

Viel zu schnell vergingen die frühen Stunden. Bus um Bus spuckte unzählige Touristen aus, welche mit babylonischem Sprachgewirr die Ruhe am Þingvallavatn schwinden ließen. Zeit für uns, ein anderes Ziel anzupeilen, welches auch zu fortgeschrittener Tageszeit Genuss versprach.
Mit der Gewissheit zwischen den Welten, zwischen Amerika und Europa gewandert zu sein, machten wir uns auf zur Visite beim alten Bischofssitz Skálholt.

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Kurz vor Skálholt erscheint das Tor zur Hölle, der Vulkan "Hekla" am Horizont.

Eine Stunde Fahrt, aber auch nur weil wir mehrmals unterwegs stoppten, um die Landschaft zu genießen, Islandpferde zu streicheln, in ein Kaffi zu gehen... und wir standen vor dem geschichtsträchtigen Gemäuer, nahe der Ortschaften Laugarás und Fluðir. Die Kirche spielt nicht nur bei der auch in Deutschland beliebten isländischen Krimiautorin Yrsa Sigurðardóttir, "Das letzte Ritual", eine Rolle, vielmehr war sie Jahrhunderte lang Zentrum von Macht und Bildung Islands.
Ísleifur Gissurarsson wurde hier 1056 zum ersten Bischof des Landes gewählt, sein Hof wurde Bischofssitz und blieb es bis 1785. Er schuf die Grundlagen dafür, dass bis heute an diesem Ort unterrichtet, gedichtet und übersetzt wird. Die Bedeutung der Kirche spiegelt sich auch in ihrer für isländische Verhältnisse gewaltigen Größe wieder.
Einige der alten Bischöfe, kann man persönlich bei einem Gang durch die Krypta, besuchen. Nein, nein, keine Bange! Sie ruhen in mehr oder weniger prächtigen Sarkophagen und sind ganz friedlich!
Da die Kirche auch über eine hervorragende Akustik verfügt, finden hier im Sommer auch regelmäßig zahlreiche und kostenlose, klassische Konzerte statt.

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Sonnenlicht auf dem Altar
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das "Tor zur Hölle" immer im Blick der Bischöfe
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Wieder mal ein Beispiel eines kreativen Verkehrsschildes.
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Da sag' noch mal einer, Isländer bauen nur klapprige Brücken! In Laugarás gibt es mal eine richtig Gewaltige, sie führt über den Fluss Hvítá.
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Unser wieder einmal erlebnisreiche Tag auf der Eis-Insel endete, wie kann es anders sein, im Hot Pot unseres Häuschen. 22.30 Uhr Ortszeit genießen wir das Schauspiel der nicht recht untergehenden Sonne am Horizont. Was am nächsten Tag auf dem Programm steht ist auch schon klar. Wie überwältigt wir davon sein werden, das ahnen wir, im 39°C warmen Wasser sitzend, noch nicht...