TorTour de Ruhr 2014
das Starterfeld für 100 Meilen (160,9 km)


TorTour de Ruhr 2014 (100 Meilen / 160,9 km)

TorTour de Ruhr – was für ein Wortspiel! Seit vier Jahren interessierte mich was dahinter steckt, mit der Auflage 2012 wurde mein Interesse zum ernsthaften Teilnahmewunsch und im Sommer 2013 hatte ich es geschafft, ich war glücklicher Besitzer eines Startplatzes. 160,9 km oder eben 100 Meilen nonstop per Pedes auf dem Ruhrtalradweg, von Neheim nach Duisburg, waren für mich zu Pfingsten 2014 gebucht. Ein Lauftraum sollte wahr werden und auch die Ankündigung von Veranstalter Jens Vieler, das es sich hierbei um „keinen Kindergeburtstag“ handelt, hatte keinerlei abschreckende Wirkung! Weder auf mich, noch auf Kerstin, welche die Strecke als meine Ein-Frau-Begleit-Crew auf dem Fahrrad zurückzulegen hatte.

TorTour de Ruhr 2014
TorTour de Ruhr 2014
TorTour de Ruhr 2014
TorTour de Ruhr 2014

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Die TorTour de Ruhr ist ein Einladungslauf über 230 km, mit Start an der Ruhrquelle bei Winterberg, über 100 Meilen (160,9 km), mit Start in Neheim und dem Bambinilauf über 100 km, mit Start am Hengsteysee bei Hagen. Gemeinsames Ziel aller Läufe ist die Mündung der Ruhr in den Rhein bei Duisburg, genauer gesagt die Skulptur „Rheinorange“ des Kölner Bildhauers Lutz Fritsch. Die Zielzeit wird genommen, wenn an diese weithin orange leuchtende Säule „angeschlagen“ wird. Die Strecke entspricht dem gut ausgeschilderten Ruhrtalradweg, und streift unter anderem die Städte Arnsberg, Fröndenberg, Schwerte, Hagen, Wetter, Witten, Bochum, Hattingen, Essen, Mühlheim und eben Duisburg. Wer auf diesem langen Weg trostlose Industriegebiete, gezeichnet von Bergbau und Stahlindustrie erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. Wunderschöne Auenlandschaften an einer mit klarem Wasser aufwartenden, mehr oder weniger behände dahinfließenden Ruhr kennzeichnen das Bild. Eigentlich eher zum Verweilen, als zum schnell Vorbeirennen geeignet…, aber wir wollten es ja so.

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13 km sind geschafft, nur noch 148 bleiben...

Als wir anfangs Juni die pfingstliche Wettervorhersage anschauten, trauten wir unseren Augen kaum. Sonne pur und Temperaturen bis 34°C stand da geschrieben. Im Laufe der Woche vor dem Start die Meldung: „heißeste Pfingsten seit 50 Jahren“! Kein Kindergeburtstag eben! Aber wir hatten im August des Vorjahres ja schon den Mauerweglauf um Berlin, ebenfalls 100 Meilen, bei ähnlichen Temperaturen zurückgelegt. Was sollte schon schief gehen?

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in den Ruhrauen bei Neheim (Foto: A. Schüpbach)

Am Pfingstsamstag, 18.00 Uhr standen wir am Start in Neheim und stürzten uns hinein in ein garantiert kein Frösteln verursachendes Unternehmen. Zuerst galt es eine, vom Ruhrtalradweg abweichende Einführungsrunde zu absolvieren. 13 km entlang des Flüsschens Möhne zeigten uns Läufern gleich ordentlich die Zähne. Großteils ein deftiger Trail, statt ein asphaltierter Radweg, brachte die Waden mit so einigen Höhenmetern  auf Betriebstemperatur, bevor der sanft gewellte Ruhrtalradweg wieder Linderung verschaffte. Kerstin konnte während dieser Eröffnungsrunde noch verschnaufen, mit dem schwer beladenen Drahtesel wäre dieser Abschnitt auch eine zu große TorTour geworden.

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Sonenaufgang bei Witten
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Kerstin mit dem Versorgungsfahrzeug

In den Sonnenuntergang hinein überholten wir nun oft Läufer der 230 km – Strecke, welche bereits morgens um 8.00 Uhr auf die Strecke mussten und in der Backofenhitze des Sauerlandes schon mehr als 90 km abgeknipst hatten. Mit der Dunkelheit wurden auch die Temperaturen angenehmer. 18°C sind eigentlich meine Wolhfühltemperatur. Aber auch nur wenn die im Trinkrucksack steckenden 1,5 Liter Wasser da bleiben wo sie sollen und sich nicht sintflutartig über den verlängerten Rücken ergießen, weil die Nähte der sündhaft teuren Ultra-Light-Trinkblase ihren Dienst versagen. Die klatschnassen Sachen waren das kleinere Übel, die nun weniger komfortable Wasseraufnahme das Größere. Und regelmäßige und reichliche Flüssigkeitszufuhr war das A und O unserer Unternehmung.

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Der Weg durch die Nacht war keineswegs einsam. Wir überholten oder wurden selbst überholt und dabei gab es trotz aller Anstrengungen immer wieder nette Gespräche. Und wenn mal kein Gesprächspartner vorhanden war, lauschten wir den Fröschen, welche ohne Unterlass quakten. Mit Eintreffen an den Verpflegungspunkten, unser erster nach 46 km, wurden die Läufer und ihre Crews frenetisch gefeiert. Da jagte es einem förmlich Schauer über den Rücken. Besonderes Gänsehautfeeling gab es nach 60,9 km am Hengsteysee bei Hagen, gleichzeitig Startpunkt des 100 km Rennens. Hier tobte nachts um 2.00 Uhr das Leben und es gab für mich den leckersten Kartoffelbrei aller Zeiten. Dazu ein gut gekühltes bleifreies Bier und eine Tasse Kaffee, da waren alle Lebensgeister wieder mehr als wach. Aber zu langes Aufhalten ging nicht. Die angenehmen Temperaturen der Nacht mussten zum flinken Vorankommen genutzt werden. Eine Schrecksekunde gab es, als Kerstin kurz beim Radfahren einschlief. Glücklicherweise ging dies ohne bösen Sturz aus. Bei Witten erlebten wir dann einen herrlichen Sonnenaufgang. Zum Heulen schön… Aber mit der Sonne kam die Wärme. Man fühlte förmlich das Quecksilber im Thermometer steigen. Am Kemnader See gab es dann den ersten von zwei Schuhwechseln. Nach 86 km ist so ein Austausch der Laufwerkzeuge ganz angenehm.

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VP 105 km, Rollis Gourmet-Tempel (Foto: T.Riemer)

Ab Hattingen erwarteten uns dann weitläufige Ruhrwiesen, ohne Baum und Strauch. Auch ein paar Kühe versuchten uns den Weg zu versperren, ließen sich aber vom Fahrradklingeln zur Aufhebung der Wegblockade verleiten. Die Sonne brannte unbarmherzig auf uns herab und der nächste Verpflegungspunkt bei Kilometer 105 wollte einfach nicht näher kommen. Dafür war unsere Freude umso größer, ihn endlich erreicht zu haben. Rolli, Inhaber von „Wat läuft“ in Wattenscheid, den wir während unserer Anreise am Freitag noch besucht hatten, begrüßte uns stürmisch. Energie tanken war angesagt. Bier, Kaffee, Tortellini… mediterrane Küche direkt am Ruhrtalradweg! Bratwurst und „Hugo to go“ gab es auch, beides verschmähte ich aber sicherheitshalber. Essen, der Baldeneysee… und keine Abkühlung. Was tat nun schon alles weh? Alles!

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keine Erklärung notwendig

Am Verpflegungspunkt Kettwig wieder auftanken! ...und Sachen verpacken, Regensachen bereitstellen, denn ein Gewitter war im Anmarsch. Zum Glück zog es vorbei, was blieb war die drückende Schwüle auf dem Weg durch die Saarn-Mendener Auen nach Mühlheim an der Ruhr. Durch das Großstadtgewühl hindurchgekämpft, die Sohlen glühten, bis einige schattenspendende Bäume die letzten Kilometer im weitläufigen Duisburger Hafengebiet einläuteten. So düster wie im „Tatort“ sah es hier bei weitem nicht aus! Das nahe Ziel setzte neue (oder letzte?) Kräfte frei, vor allem als die Rheinorange – Säule am Horizont auftauchte. 4 km noch, 3 km noch, 2 km noch…

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der junge Mann wartet auf Oma & Opa

 

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das Ziel, zum Greifen nah

Maria, Johannes und Pim kamen uns entgegen und begleiteten uns den letzten Kilometer ins Ziel. Kein Problem für die drei, mit dem Kinderwagen mit uns Schritt zu halten. Die Langsamkeit des Joggers nach 100 Meilen ist schon beachtlich! Und dann war es vollbracht. Anschlag am Rheinorange nach 26 Stunden und 2 Minuten. Kerstin & ich lagen uns in den Armen, was für eine Schlacht haben wir geschlagen! Begrüßung durch Rennleiter Jens, nette Worte und Anerkennung von –zig bekannten oder auch wildfremden Menschen. Ein paar Minuten im Gras liegen, gemeinsam mit Pim ein paar Lockerungsübungen für die geplagten Beine machen. Stolz die Sachen zusammenpacken und zum Parkplatz laufen, noch einmal ein reichlicher Kilometer.

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es ist vollbracht

 

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Lockerungsübungen im Ziel

Um Mitternacht fallen wir endlich ins Bett. Für die Zivilisation wieder hergestellt. Mit vielen leckeren Fritten und einem richtigen Bier im Bauch. Die drei großartig dimensionierten Blasen an meinen Fußsohlen können noch bis zum nächsten Morgen auf ihre Versorgung warten. 42 Stunden waren wir ohne Schlaf, jetzt war es Zeit für den Sandmann.

Was träumten wir? Natürlich von der TorTour de Ruhr 2016!

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die Trophäen

...und dann heißt es natürlich "Danke" zu sagen. Danke an Jens Vieler, dass wir Teil dieser denkwürdigen Veranstaltung sein durften. Danke an Kerstin für die Begleitung auf diesen 100 Meilen, welche auch für sie auf dem Rad eher einer TorTour als eine Tour waren. Danke an Maria, Johannes und Pim, für den tollen Empfang im Ziel und die Mühen von der Erstversorgung bis zur Bettruhe. Danke an die ganze Familie, für das Ertragen meiner sicher gewöhnungsbedürftigen Trainingsgewohnheiten und -unsitten. Danke an meine T-Rex-Trainingskameraden für die gemeinsamen geschrubbten Kilometer im Vorfeld der TorTour. Auf ein Neues!

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Duisburg - Hafen


Helmut Hanner stellte uns nachstehende Fotos freundlicherweise zur Verfügung

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