Stovka Podkrkonošim
Blick in das Riesengebirgs-Vorland

Stovka Podkrkonošim --- Ultra-Trail im tschechischen Vorland des Riesengebirges

Stovka Podkrkonošim
Kerstin hat Spaß auf dem Gelände des Hotel Pod Zvičinou in Dolní Brusnice

„Riesengebirge und Riesengebirgsvorland --- märchenhaft für Kinder und Eltern“, so wirbt die Tourismuszeitung des dortigen Städte- und Gemeindeverbandes. Märchenhaft ist es natürlich auch für uns Trailrunner, insbesondere wenn ein Wettkampf wie der „Stovka Podkrkonoše“, der „Hunderter im Riesengebirgsvorland“, auf dem Plan steht. So reisten Thomas mit Anett und Julius, sowie Kerstin und ich am Freitag, dem 14. Oktober 2016 in die Heimat des Berggeistes „Rübezahl“. Genauer gesagt zum „Hotel Pod Zvičinou“, am Rande des Dorfes „Dolni Brusnice“ (Nieder Prausnitz) und am Fuße des 671 m hohen Berges Zvičina (Switschina) gelegen. Nach Inspektion der interessanten und umfangreichen Hotelanlage, sowie der näheren Umgebung, inklusive des bereits für den Winter trocken gelegten Waldschwimmbades, welches von einer Quelle mit „Heilwasser“ befüllt wird, liefen dann bereits bei Thomas und mir die Vorbereitungen für den Start zum 112 km langen, mit 2.762 Höhenmetern gespickten Ultra-Trail. Um 22.00 Uhr sollte es losgehen. Da wir vom „Heilwasser“, welches jedem der davon trinkt ein langes Leben bescheren soll nichts bekamen, erhofften wir den gleichen Effekt vom erwiesen guten böhmischen Bier.

Das „Riesengebirge“ (tschechisch Krkonoše  / polnisch Karkonosze) ist das höchste Gebirge Tschechiens. Es erstreckt sich an der Grenze zwischen Polen und Tschechien. Mit der „Schneekoppe“ (Sněžka / Śnieżka) hat es mit 1.602 m seinen höchsten Gipfel. Nahe „Špindlerův Mlýn“ (Spindlermühle) entspringt auf 1.400 m Höhe die „Elbe“ (Labe). Das Riesengebirge ist als Nationalpark geschützt, in großen Teilen sogar als Biosphärenreservat der UNESCO. Durch das tschechische Vorland des Riesengebirges sollte uns nun unser Ultra-Trail führen.

Punkt 22.00 Uhr setzte sich dann ein Pulk aus 75 Läuferinnen und Läufern in Bewegung. Obwohl Wolken den Fast-Vollmond verhüllten, war es ein Lauf in eine recht helle Nacht. Zunächst auf breitem Forstweg unterwegs, wartete mit dem heftigen Anstieg auf die „Zvičina“ bereits nach 2 km ein erstes Achtungszeichen auf uns. Thomas hatte sich vom Start weg schon in der Spitzengruppe etabliert, lief ein Tempo, welches für mich Harakiri gewesen wäre. Ruhig angehen und zum Schluss die Reserven freilassen, das war eher meine Devise.

Nach den ersten Höhenmetern ging es leider eine lange Strecke über asphaltierte Wege und das Feld zog sich langsam aber sicher weit auseinander.  Mit Erreichen des Ortes „Pecka“ (Petzka) und gleichnamiger Burg sorgte nach 11 km auch der erste große Verpflegungspunkt für etwas Abwechslung. Die gotische Burg hatte mit ihrer nächtlichen Beleuchtung schon etwas Gruseliges an sich. Tagsüber kann man sich hier eine Ausstellung über das Leben von „Christoph Harant Freiherr von Polschnitz und Weseritz“ anschauen. Uns interessierte der Reisende, Humanist, Soldat und Politiker eher weniger und weiter ging es, endlich auf richtigen Trails. Nach 25 km, auf dem Gipfel des „Bradlo“, 519 m, war der unbemannte Kontrollpunkt 4 untergebracht. Ein Prospekthülle, gefüllt mit einem Blatt Papier und einem Buntstift galt es zu finden und mit dem Stift das entsprechende Feld auf der mitzuführenden Kontrollkarte zu kennzeichnen. Eine einfache, aber sichere Kontroll-Methode! 6 km weiter gab es in „Hostinné“ (Arnau) schon den nächsten VP. Ein warmer Kaffee tat richtig gut! Der Blick schweifte dabei natürlich über den quadratischen Marktplatz des Ortes, mit seinen Laubengängen und der Postsäule mit Heiligenstatuen in Platzmitte, u.a. dabei Franz von Asissi. Danach ging es schnell wieder in den Wald hinein und auf modrigen Trails musste man ganz schön aufpassen keine nassen Füße zu bekommen, bzw. ein Schlammbad zu nehmen. Bei Kilometer 45, auf der Burgruine „Břečstein“ (Silberstein), war der nächste Kontrollpunkt versteckt. Kein Problem, nur wäre aus den Gewölben, hoch über dem Tal des „Silbersteiner Baches“ ein Schloßgeist herbeigeschwebt, hätte mich das nicht gewundert. Weiter südöstlich, nach 53 km war dann schon „Trutnov“ (Trautenau) in Sicht. Die geschichtsträchtige Stadt war in den ganz frühen Morgenstunden wie leergefegt. Auch der legendäre „Trautenauer Lindwurm“ ließ sich gottlob nicht blicken. Am 27. Juni 1866 kämpften hier Preußen und Österreicher in der „Schlacht bei Trautenau“ gegeneinander, woran auf blutgetränktem Boden ein 17 m hoher Obelisk, direkt auf dem „Gablenzberg“, erinnert. 1905 wurden darin die sterblichen Überreste des österreichischen Feldmarschallleutnants „Freiherr Ludwig von Gablenz“ beigesetzt.

Obwohl mich mein Navi auf dem Original-Track durch den Ort führte, verpasste ich leider den großen VP und damit eine Chance auf warmes Essen. Sicherheitshalber machte ich ein paar Fotos, als Beweis meiner Anwesenheit und trollte mich weiter zum nächsten Kontrollpunkt am km 59, bei „Starý Rokytnik“. Der war ausgesprochen gut zu finden und es machte auch richtig Spaß zu laufen, weil der Himmel langsam heller wurde. Nach weiteren 5 km, auf einer Hochebene, war es ein Genuss die Morgensonne über der Gebirgslandschaft aufgehen zu sehen. Nach einem heftigen Anstieg, 69 km waren geschafft, zur „Jestřebi Bouda“ konnte ich dann endlich ein warmes Süppchen essen und ein gutes Bier dazu trinken. Der abschließende türkische Kaffee der Wirtin hatte dazu noch das Zeug zur Legende! Das gab richtig Kraft für den Rest des Weges, der zunächst gleich wieder mit einem unbemannten Kontrollpunkt aufwartete. „Žaltmann“, ein 739 m hoher Berg, ist die höchste Erhebung des „Habichtsgebirges“ und mit einem Aussichtsturm versehen. Aussicht genießen war für mich nicht drin, vielmehr suchte ich den vom Winde verwehten Kontrollzettel. Den fand ich auch, nur den Buntstift dazu nicht. Also wieder ein Beweisfoto machen…. Hier oben verlief eine Bunkerlinie des „Tschechoslowakischen Walls“, einer Grenzbefestigung zu Deutschland, Österreich, Polen und Ungarn, welche von 1934 bis 1938 gebaut, aber nie vollendet wurde. Einige Bunker kann man im Unterholz am Wegesrand noch sehen.

Von hier, leider wieder auf viel zu viel Asphalt, ging es nach „Úpice“ (Eipel). An der dortigen Kirche, 76 km lagen hinter mir, gab es noch einmal ordentlich Essen, bevor der lange, lange Anstieg zum „Lišči Hora“, dem 608 m hohen „Fuchsberg“ begann. Endlose, schnurgerade Waldwege und immerzu durch Ortschaften auf Asphalt zu laufen, das machte nicht wirklich Spaß. Zu allem Überfluss fand ich dann auch den Kontrollpunkt nicht. Drei erfolglose Ehrenrunden auf dem Gipfel, dann entschloss ich mich zum nächsten Beweisfoto. Ich hatte jetzt gewissermaßen die Schnauze gestrichen voll! Eine SMS von Kerstin, genau zum richtigen Zeitpunkt, munterte mich auf. Thomas war als Gesamtdritter gut unterwegs, schrieb sie mir! Also A….backen zusammenkneifen und weiter!

Der Downhill nach „Nové Kocbeře“ (Neu Rettendorf), dem letzten VP bei km 95 machte dann aber wieder Spaß und wenn ein Bier durch die Kehle rinnt, ist alles wieder gut. „Nové Kocbeře“ liegt im Tal des Baches „Kočbeřský Potok“, im südlichen Teil des „Königswaldes“. Durch diesen „Königswald“ ging es danach auch nach „Dvůr Králové nad Labem“ (Königinhof an der Elbe). Der Ort mit großer Geschichte beherbergt auch einen der größten und schönsten Zoos Europas, inklusive eines Safariparkes. Mir bleibt der Ort rein lauftechnisch leider in schlechter Erinnerung, weil ich mich hier, so kurz vor dem Ziel, noch richtig verlaufen habe. Aber selbst schuld! Und letztendlich fast 2 km mehr auf der Uhr….

 

Wieder auf dem rechten Weg kam dann schon bald der Kirchturm von „Dolni Brusnice“ ins Blickfeld und auch unser Hotel und damit das Ziel war schon am gegenüberliegenden Berghang zu sehen. Noch einmal Kräfte sammeln…. Die letzten 200 m bergauf im Laufschritt ins Ziel. Geschafft! Abklatschen! Endlich sitzen! Bier! Und natürlich ein Gespräch mit dem Veranstalter, wegen meiner nicht gefundenen Kontrollpunkte. (erst sollte ich 15 min Strafzeit dafür aufgebrummt bekommen, davon wurde später aber wohlwollend und fair Abstand genommen).

 

 

Den „Stovka Podkrkonošim“ können wir mit gutem Gewissen empfehlen. Eine gut und mit viel Liebe organisierte Low-Budget-Veranstaltung. Wo kann man heute schon für ca. 16 € Startgeld so einen „Hunderter“ abspulen?! Der zur Verfügung gestellte Track war etwas verbesserungsbedürftig aber brauchbar. Ortskenntnis und noch mehr Sprachkenntnisse wären sicher von Vorteil, aber ohne solche hat das Ganze ja mehr Reiz. An das tschechische Kontrollpunktsystem gewöhnt man sich schnell. Für das Rennen gab es 5 UTMB-Punkte. Diese waren nicht geschenkt, was sich in der Finisherquote von 76% auch widerspiegelt.

Der Sieg 2016 ging an Martin Vlasák in 12:55 Stunden. Thomas belegte Rang 3, in 14:06 Stunden. Kristýna Jeřábková als erste Frau und Gesamt-Siebente, benötigte 15:05 Stunden. Ich selbst kam auf Gesamtrang 23 von 57 Finishern, mit einer Zeit von 17:35 Stunden.

Alle Infos zum Lauf, in Tschechisch und in abgespeckter Version auch in Englisch: www.stovka.podkrkonosi.eu

 

 

 

 

Fotos: K./V.Roßberg; A.Spiegel, T.Rosse, Veranstalter